Christoph Marzi
Jorge und der Gischtgeist

Wenn ein Gischtgeist zu dir redet, dann schmeckst du das Meer und lauschst dem Rauschen der See, du kannst gar nicht anders, als gebannt zuzuhören Es ist ein Flüstern, das dahinplätschert, so voller Gedanken, die nicht einmal Worte sind. Nicht viele Menschen vermögen es, den Gischtgeistern zu lauschen. Ich schon. Dort unten, wo der Sand sich dunkel färbt, selbst wenn die Sonne ihn streift, da habe ich ihn zum ersten Mal getroffen, meinen Gischtgeist. Er tanzte auf den Spitzen der Wellen und sang ein Lied, das niemand hörte. Menschen können die Gesänge der Gischtgeister nicht verstehen. Ich schon. Ich setzte mich an den Strand und hörte ihm einfach zu. Er sang von der Brandung und den Kronen der Wellen, die jeden Stein, der aus dem Wasser ragt, umspielen. Er sang von der Freiheit, dem Wind und der salzigen Luft. Er sang vom Leben, wie ein Gischtgeist es spürt, wenn er unbändig, wild und glücklich ist.
Dann hat er mich bemerkt.
Kühl hat das Wasser mir die Füße umspült und der Gischtgeist nannte mir seinen Namen.
Bis zu diesem Moment hatte ich die geheimnisvollen Wesen nur aus den Geschichten gekannt, die man sich im Dorf erzählte. Böse seien nur wenige von ihnen. Sie begleiteten Boote, wie Delphine es tun. Manchmal trieben sie Fischern die Beute ins Netz, und ein andermal fraßen sie auf, was sich in den Netzen und Reusen verfangen hatte.
„Ich bin Jorge“, sagte ich.
Und dann redeten wir.
„Du kannst mich verstehen?“
Er konnte es.
Seit diesem Tag sind wir Freunde.
Jeden Tag gehe ich dort hinunter und rede mit ihm. Er bringt Neuigkeiten mit, die wir sonst erst viel, viel später im Dorf erfahren würden. Weit über die See vermag er zu reisen, mein Gischtgeist. Die Menschen im Dorf glauben, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht, dass ich all die Dinge weiß. Das habe ich schon früh gespürt. Es sind misstrauische Blicke, die man mir zuwirft, wenn ich einfach nur meiner Arbeit nachgehe. Wenn ich mit den Ziegen aufs Feld gehe oder die Früchte zum Markt bringe.
Ich bin nur ein einfacher Mann. Ich besitze etwas Land, zwei Ziegen, eine Hütte, die im Sommer kühl und im Winter warm ist. Meine Frau liebt mich und ich liebe meine Frau. Sie weiß von dem Gischtgeist, sie findet nicht, dass ich seltsam bin.
Manchmal geht sie sogar mit zum Strand hinunter, geht ins Wasser, streckt die Hände nach dem Gischtgeist aus und lauscht dem Rauschen, das seine Stimme für sie ist. Nein, Worte bilden die Geräusche nicht für sie. Doch kann ich ihr immer sagen, was der Gischtgeist spricht.
Maria mag ihn.
Und der Gischtgeist mag Maria.
Wie lange das nun schon so ist? Ich weiß es nicht. Die Besuche am Strand und die Gespräche gehören zu unserem Leben. Den Dorfbewohnern sagen wir nichts davon. Der Gischtgeist ist unser Geheimnis. Liebende dürfen Geheimnisse haben vor der Welt, das ist schon immer so gewesen.
Doch Dinge ändern sich.
Oft.
Und wenn es passiert, dann ist man nicht darauf vorbereitet.
Heute Morgen war der Gischtgeist spät gekommen, später als sonst. Müde ritt er auf den Wellen zum Strand und schon aus der Ferne sah ich, dass ihn etwas bedrückte. Er wirkte unruhig und die Schaumkrone, die ihn zwischen den schroffen Steinen entlang trug, schien er nur halbherzig zu umklammern.
„Was gibt es für Neuigkeiten, mein Freund?“ fragte ich ihn.
Er seufzte. Dann berichtete er von Gischtgeistern, die das Licht verloren hatten. Es gäbe eine Armada von Schiffen, die nach Lisboa gekommen war. Von dunklen Schemen sprach er, Dingen, die überall waren, selbst in der allertiefsten Tiefe der See. Da seien Wesen, die eisig kalt sogar die Wellen ihr eigen machten.
„Wo kommen sie her?“
Er wusste es nicht.
„Was wollen sie?“
Er wusste es nicht.
Nur traurig war er, weil die Welt sich zu verändern begann. Ich spürte es auch. Wie ein Wind, der aus Nordwesten blies und graue Wolken nach Sesimbra brachte.
Hier war unsere Heimat, schon immer hatten wir hier gelebt, Maria und ich.
„Wir sollen fortgehen.“
Maria war kreidebleich geworden. „Das hat er gesagt?“ Sie stand in der Hütte und hielt die Hände ruhig gefaltet.
Ich nickte. „Etwas Böses kommt näher, dunkler als Nacht und finster wie Schatten.“
Sie sah mich an. „Wohin sollen wir gehen?“
„Wenn wir zusammen bleiben, dann ist es egal, wohin.“
Sie kam zu mir und umarmte mich. Sie weinte.
Zwei Tage später verließen wir die kleine Hütte und das Dorf.
„Wir sind die einzigen, die fortgehen“, sagte Maria, als das Meer in weite Ferne rückte.
„Niemand wollte mir glauben, ich habe es versucht.“
Dorthin sollten wir gehen, wo keine Wellen rauschten. Das hatte mir mein Gischtgeist geraten.
„Warum sind die Menschen so misstrauisch?“
„Niemand versteht einen Gischtgeist.“
„Du kannst es.“
Wir sahen einander an. „Wir tun das Richtige“, sagte ich und doch klang es wie eine Frage.
„Ja, das tun wir.“
Jetzt sind wir auf der Anhöhe von Serra da Arrábida. Am Horizont ziehen Wolken auf, dicht und dunkel wie Spinnwebfäden, die vom Himmel herabhängen. Ich denke an den Gischtgeist und daran, dass ich ihn womöglich niemals wiedersehen werde. Daran, dass er uns gesagt hat, was wir haben wissen müssen.
„Da sind Schiffe am Himmel, dort drüben“, sagt Maria. Sie ergreift meine Hand.
„Lass uns gehen“, sage ich.
„Ich weiß, an wen du denkst.“ Sie lächelt, ganz traurig.
Ich fasse sie bei der Hand.
Der Weg, der vor uns liegt, ist steinig und steil. Wir gehen weiter.
Und keiner von uns beiden schaut zurück.

Ende
19. Juni 2007

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Christoph Marzi
Barcelona – ein Gesang

Das goldene Licht des Morgens
fängt sich in den Augen aus Smaragd
und die Eidechsen beginnen zu singen,
ganz leise, ganz sacht,
wie wir, ja, leise und sacht, wie wir.

Die Brise aus La Marina
streichelt die Gesichter in Port Vell
und die Arbeiter beginnen zu singen,
ganz laut, beschwingt,
wie wir, ja, laut und beschwingt, wie wir.

Die Düfte auf den Märkten
Bedecken die Gedanken in Eixample
Und die Frauen beginnen zu singen,
ganz froh, voller Liebe,
wie wir, ja, froh, voller Licht, wie wir.

Das Lied auf unseren Lippen
berührt Barcelona wie Samt
und die Menschen beginnen zu singen
ganz frei, immer lachend,
wie wir, ja, frei und lachend, wie wir.

Tagein und tagaus und sogar nachts
schweben die Lieder überall durch die Straßen
und die Menschen, sie singen,
so laut, so leise, so lang,
wie wir, ja, laut, leise, lang, wie wir.

7. Januar 2008

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Christoph Marzi
Die Zigeunerhexe kennt den Weg

(die Darstellerin von Makris de los Santos führt uns übers Set von „Malfuria – Die Königin der Schattenstadt“)

Wir treffen Miss Green, die jetzt zum zweiten Mal in die Haut der Zigeunerhexe Makris de los Santos schlüpft, in der Kantine des Studios in der Nähe von Barcelona. Es ist 14:17 Uhr, ein Mittwochnachmittag. Freundlicherweise hat sie sich dazu bereit erklärt, uns durch die Kulissen der Filmproduktion zu führen

Ah, wir beginnen. Die Kamera läuft. Schon wieder. (sie lacht) Wie schön, dass Sie mich begleiten wollen. Wie schön, dass sich jemand für mich interessiert. (lacht) Immerhin bin ich nur eine Nebenrolle. Dafür aber vollständig geschminkt. Wissen Sie, wir haben heute morgen eine der herzzerreißendsten Szenen gedreht, die es überhaupt gibt. Ehrlich, ganz toll. Karim – wissen Sie, ich nenne ihn Karim, das tun alle aus der Crew, und er mag es, wenn man ihn mit seinem Rollennamen anspricht: deswegen: Karim – nun ja, Karim also, er ist ein sehr zwielichtiger Charakter. Er ist im ersten Film der Böse, doch dann ... nun ja, man weiß nie genau, woran man bei ihm ist. Zuerst hieß er Karfax, dann Kopernikus. Er hat Jordi bei der Flucht aus Lisboa geholfen, aber war er jetzt im dritten Teil abzieht ... wow!, er ist immer für eine Überraschung gut. Karim ist ein echter Scherzkeks, müssen Sie wissen (sie lacht ganz laut und der Deko-Schmutz an ihren Handgelenken klimpert). Als Catalina und ich am Set gedöst haben, da hat er die Zöpfe unserer Perücken zusammengebunden – und dann hat er mit eine Culebra aus Gummi in den Schoß geworfen. Die Maskenbildnerin war nicht gerade begeistert gewesen, das kann ich Ihnen sagen. Die komplette Frisur musste erneuert werden, bei uns beiden. Nun ja, Karim hat seinen Spaß gehabt. So ist er. Dabei kann er so böse sein, wenn die Kamera läuft. Aber glauben Sie ihm nichts, er ist ganz anders.

Aber ich beginne wieder zu schwafeln. (sie trinkt den Rest ihres Kaffees) Sie sehen müde aus. Und Sie verziehen das Gesicht. (kichert) Na ja, das Essen hier in der Kantine ist nicht der Renner. Am besten, wir verschwinden. Folgen Sie mir einfach.

Und schon sind wir da. Fast. Sehen Sie dort drüben? Das ist einer von den Silberaugenmatrosen-Statisten. Ohne Silbermünzenaugen. Die stören beim Essen. Oder wären hilfreich, weil man den Fraß dann nicht sieht, wie auch immer.

Wohin wir zuerst gehen? Dort drüben in Halle 3 befindet sich ein Teil vom Lisboa-Set. Alles ist voller Pflanzen und (sie winkt einer Gruppe von Gestalten) dort drüben sehen sie unsere Harlekin-Statisten. Meine Güte, ich bin froh, dass ich nicht in diesen Umhängen drehen muss. Bei dieser Hitze, nein, danke. Und dann die Masken. Dahinter schwitzt man sich echt fast zu Tode.

Ah ja, wir sind da. Wir müssen jetzt leise sein. (sie deutet auf ein Schild) Da wird gedreht. Da, ich habe es ihnen gesagt. Pssst. Sehen Sie? Da ist Jordi. Und die ganzen Leute, die um ihn herumstehen, die sind für die Effekte zuständig. In die Greenscreen wird später natürlich ein gigantischer Himmel hineinkopiert. Wissen Sie, hier ist alles irgendwie größer und dunkler – das, was in den ersten Teilen geschehen ist, wird noch überboten. Der Himmel – so sieht es jedenfalls in den Storyboards aus – ist voller Gefährte. Riesige Zeppeline der Stadtgarde kämpfen gegen die gigantischen Galeonen der Schattenkönigin, die über dem Téjo schweben. Diese ekligen Dinger, die Fäden der Medusa, sie sind überall. Und Kakerlaken. Habe ich die schon erwähnt? (sie verzieht das Gesicht) Wir haben diesen Spezialisten, der alle möglichen Arten von Viechern dressiert? (sie wirkt skeptisch) Kann man Kakerlaken trainieren? Na ja, wohl kaum. Wissen Sie, die Viecher wurden kistenweise an den Set gekarrt und man kann sie nur lenken, in dem man sie mit Wärme steuern. Also haben sie überall Gebläsemaschinen aufgebaut, mit denen man die Laufrichtung der Tiere bestimmt. Und wissen Sie, was passiert ist? Irgend so ein Idiot hat die Gebläse zu stark eingestellt und die Viecher sind förmlich über den Set geweht. Überall waren sie und die Darsteller waren nicht gerade begeistert.

Ich? (lacht) Sehe ich aus, als würde ich mit Insekten drehen? Die präparierte Natter, die sie zur Culebra geschminkt hatten, die hat mir schon gereicht. Dabei war der Außendreh in Eivissa toll. Wahnsinns Strände. Trotzdem. Ich mag diese Schleichen nicht. No way! Nein, in dieser Szene, die sie drüben sehen, spielen eigentlich nur Fado Mariza und Jordi. Den beiden haben sie die Kakerlaken um die Ohren geweht. Wo sie jetzt sind? Überall am Set. Man setzt sich in der Drehpause irgendwo hin und schon huschen sie einem unter den Füßen fort. Puh, eklig, einfach nur eklig, kann ich Ihnen sagen.

Die Szene, von der ich spreche? Sehen Sie die Kerle in den silbernen Anzügen? Das sind unsere Pyrotechniker. Die drehen hier in Halle 3 seit zwei Wochen an dieser einen Szene. Jordi trifft mit Nuria auf Fado. Und dann passiert etwas? Was genau? Hey, in meinem Vertrag steht, dass sie Killer auf mich ansetzen, wenn ich etwas darüber ausplappere. No way! Die Sache mit den Flammen ist echt knifflig. Wir haben zwei Stunddouble, die für Fado einspringen, wenn es richtig gefährlich wird. Das ganze wird eine echt dramatische Szene.

Okay, okay ... sehen Sie den Mann, der mir winkt? Genau. Wir sollen gehen. Und ich soll die Klappe halten.

Wohin ich Sie nun führe? Na ja, wir haben noch einen anderen riesigen Set, drüben in Halle 8. Haufenweise Sand, Palmen und Geröll, und oben an der Decke hängen Gerüste, die aussehen wie die Aussichtsgänge des Falken. Kapitän Cortez haben Sie eben in der Kantine getroffen. Er war der Kerl mit den Ohrringen, der ausgesehen hat wie eine spanische Ausgabe von Johnny Depp. Ja, genau der! Der literweise Espresso getrunken hat. Niedlich ist er, was?!

Das Schiff, jedenfalls, der Falke, befindet sich in einer anderen Halle. Wir haben verschiedene Modelle hier, unter anderem eines, das man begehen kann. Ja, mit richtigen Räumen. Die Räume, die man im Film sieht, befinden sich aber in einem anderen Studio.

Die Kulissenbauer haben wirklich saubere Arbeit geleistet.

Da, sehen sie. Der riesige Brunnen gehört zum Lisboa-Set. Das Vieh, das dort hockt, ist der Hüter des Brunnens. Der Chafariz, so nennt man ihn. Im Film ist der Brunnen der Weg, der in die Schattenstadt hinab führt. Wir haben einen eigenen Set dafür erbaut, weil eine extrem lange Szene, eine Verfolgungsjagd, dort im Brunnenschacht spielt. Erinnern Sie sich an die Gezeitengondeln aus dem ersten Teil? Das hier wird so ähnlich. Aber mehr darf ich nicht verraten. Catalina und Kater müssen dort hinab. Wer Kater ist? Sein Rollenname ist Miércoles. Wir nennen ihn aber nur Kater. Er hasst seine Flügel. Und wenn er wüsste, wie sie später am PC seine Schnauze morphen, dann wäre er sicherlich nicht erbaut davon.

Und der Gang dort drüben, der führt uns direkt zu den FX-Leuten. Wir nennen sie die Hexer. Sind sie ganz leise, wir schauen kurz hinein. Sehen Sie die Bildschirme? Sie animieren gerade die gigantischen Zeppeline der Stadtgarde, die ganz golden sind. Und das seltsame Ding, das dort auf dem Tisch steht, ist das Modell einer Galeonenstadt. Was das ist? Ha, da war sie wieder: die Frage, die ich nicht beantworten darf. Nun ja, nicht wirklich. Die Galeonenstädte sind wirklich große Galeonen. Der Falke muss sie überwinden, um aus Lisboa zu entkommen. Wie er das macht? Das würden Sie gerne erfahren. No way! Darf ich nicht verraten. Aber die Hexer haben hier alle Hände voll zu tun. Die Schattenkönigin wird komplett am PC animiert – ich habe Testaufnahmen gesehen, sie ist wirklich gruselig.

Die Schattenstadt? Sie ist anders als alles, was sie jemals gesehen haben. (lacht) Sie ist düster. Wer hätte das gedacht, bei diesem Namen. (lacht erneut) Im Ernst, darüber darf ich auch nichts sagen. Aber die Häuser dort sind ... anders, als man es sich denkt.

Ach ja, bevor ich es vergesse, Firnis sieht auch ein wenig anders aus. John hat Stunden in der Maske verbracht, um so auszusehen. Natürlich werden die Buchstaben und alles andere, was sich im Haus der Nadeln befindet, am Computer produziert. Am Set haben sie nur den Boden gebaut, eine hohe Treppe und dies und das.

Aber wir sollten die Hexer jetzt weiter arbeiten lassen. Sehen Sie, die schauen schon ganz böse. Macht`s gut, Jungs.

So, das war unser FX-Department. Die Hexenküche, sozusagen. Und dort drüben sind die Gardedroben. Das da ist Kamino beim Schminken. Die Narbe ist echt. Es war ihre Idee, die Narbe mit in die Geschichte einzubauen. Sie ist lustig. Und immer hungrig.

Ist Ihnen aufgefallen, dass in der Geschichte kaum gegessen wird. Herrje, das mussten wir ausbessern für den Film. Es gibt Romane, in denen die Helden durch die Gegend wandern und andauernd Pausen einlegen, damit sie etwas essen können. Nicht so bei uns. Aber im Film wird gegessen. Und getrunken. Immerhin ist es heiß ... gerade in der Wüste.

Die Wüste? Ha, wieder so eine Frage. Und wieder sage ich nur: No way! Na ja, der Showdown ... aber ich bin jetzt besser still.

Was das dort drüben ist? Mein Wohnwagen, mein kleines Reich. Hier komme ich her, wenn ich Ruhe haben will. Hier schlafe ich. Folgen Sie mir, ich spiele Ihnen etwas auf der Gitarre vor. Wissen Sie, ich wollte ja, dass man Makris musizieren lässt, aber die Scriptdoktorin – wir nennen Sie nur Chrissie – war der Meinung, dass wir es mit der Musik nicht übertreiben sollten. Zu viel Gesang, zu viel Musik. Deswegen darf ich die Gitarre nur in der Pause benutzen. Was ich persönlich gerne höre? Madredeus lief am Set – aber privat mag ich die Levellers. Ja, richtig schnelle Sachen. Heroes del Silencio und so ein Zeug.

Andy mag meine Musik, habe ich das erwähnt? Andy? Andy! Die Stimme von El Cuento. Wissen Sie, wie er geflucht hat, als er diese ganzen Straßennamen aufsagen musste. Andy ist kein Katalane. Er hat geflucht wie Gollum, kann ich Ihnen sagen. Aber er ist großartig. El Cuento hört sich unheimlich cool an – dabei sieht man ihn ja nie. Er sieht so verweht aus, wissen Sie, selbst nach der Bildbearbeitung.

(sie klimpft einige Takte von „Auf den Flügeln der Nacht“)

Tja, was soll ich sagen? (sie klatscht in die Hände und stellt die Gitarre beiseite) Damit wäre die kleine Führung wohl vorbei. In einer halben Stunde ist mein nächster Einsatz. Und ich muss noch nachgeschminkt werden. Ich muss sie also leider vor die Tür setzen.

Was gleich auf dem Programm steht? Eine weitere Szene zwischen Karim und mir. Um was es geht? (lacht schallend) No way!

Deleted Scenes (mit Kommentar des Regisseurs)

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Christoph Marzi
Das Geschenk der Nebelnymphe

Die Nebelnymphe sah traurig aus. Sie saß neben dem Feuer und ein Halsband aus Zahlen fesselte sie an den alten Mann in der bunten Soutane, dessen Kinnbart ihn unschwer als einen Angehörigen der Gilde auswies. Verwinkelte Gleichungen lebten im Stoff seines Gewandes und strahlten wie Flammen an diesem düsteren Wintertag. Fado Mariza kannte diesen Menschenschlag.
Sie hatte die Zahlenkünstler noch niemals gemocht.
„Du siehst müde aus“, sagte der Aritmético. Er hatte ihr Platz an dem Feuer gewährt, auf dem eine Kanne mit schwarzem Gebräu kochte. „Ich bin hungrig“, gestand das Mädchen und lugte hinüber zu dem Wesen, das wie ein Lufthauch war.
„Du hast noch nie zuvor eine wie sie gesehen, habe ich Recht?“
Fado betrachtete die traurige Nebelnypmphe. „Sie ist so schön.“
„Sie ist mein“, sagte der Aritmético.
Die junge Hexe nickte nur und hielt die Hände vors Feuer. Es tat gut, sich zu wärmen. Sie hätte sich selbst ein Feuer machen können, aber es war ihr nicht erlaubt. Nicht mit den Mitteln, die nur jemandem wir ihr zustanden. Ja, sie war eine Bruja. Nun ja, eigentlich war sie noch nicht einmal das. Fado Mariza gehörte noch nicht zur Hexenheit. Sie war auf Wanderschaft. Alle jungen Hexen mussten sich aufmachen, das war der Lauf der Dinge. Sie war aus ihrer Heimatstadt Lisboa fortgegangen, als sie gerade einmal vierzehn Jahre alt gewesen war. Zwei Jahre war dies nun her.Die Nebelnymphe sah traurig aus. Sie saß neben dem Feuer und ein Halsband aus Zahlen fesselte sie an den alten Mann in der bunten Soutane, dessen Kinnbart ihn unschwer als einen Angehörigen der Gilde auswies. Verwinkelte Gleichungen lebten im Stoff seines Gewandes und strahlten wie Flammen an diesem düsteren Wintertag.
Fado Mariza kannte diesen Menschenschlag.
Sie hatte die Zahlenkünstler noch niemals gemocht.
„Du siehst müde aus“, sagte der Aritmético. Er hatte ihr Platz an dem Feuer gewährt, auf dem eine Kanne mit schwarzem Gebräu kochte.
„Ich bin hungrig“, gestand das Mädchen und lugte hinüber zu dem Wesen, das wie ein Lufthauch war.
„Du hast noch nie zuvor eine wie sie gesehen, habe ich Recht?“
Fado betrachtete die traurige Nebelnypmphe. „Sie ist so schön.“
„Sie ist mein“, sagte der Aritmético.
Die junge Hexe nickte nur und hielt die Hände vors Feuer. Es tat gut, sich zu wärmen. Sie hätte sich selbst ein Feuer machen können, aber es war ihr nicht erlaubt. Nicht mit den Mitteln, die nur jemandem wir ihr zustanden. Ja, sie war eine Bruja. Nun ja, eigentlich war sie noch nicht einmal das. Fado Mariza gehörte noch nicht zur Hexenheit. Sie war auf Wanderschaft. Alle jungen Hexen mussten sich aufmachen, das war der Lauf der Dinge. Sie war aus ihrer Heimatstadt Lisboa fortgegangen, als sie gerade einmal vierzehn Jahre alt gewesen war. Zwei Jahre war dies nun her.
Sie hatte Städte gesehen und Menschen getroffen, war seltsamen Dingen und Wesen begegnet. Sie war mit Gischtgeistern geschwommen, hatte Mosaikkäfer auf ihrer Hand sitzen lassen und hatte sogar schon aus der Ferne den Sturm aus Rabenfedern über die Wälder nahe Dénia wandeln sehen.
Doch eine Nebelnymphe hatte sie nie zuvor gesehen.
Geschichten hatte sie viele gehört. Jeder wusste von der Schönheit dieser Wesen zu berichten, doch nie sah sie jemand mit eigenen Augen. Alle hörten nur Berichte von jemandem, der sie gesehen zu haben behauptete.
„Warum bist du hier?“
„Das Feuer ist warm.“
„Das meine ich nicht.“ Die Augen des alten Mannes musterten sie neugierig und unangenehm. „Warum bist du hier“, wiederholte er seine Frage und kraulte sein Bärtchen.
„In Yabisa Medina?“
“An meinem Feuer”, sagte der Aritmetico. „Du hast doch meine Gesellschaft gesucht, deswegen bist du hier. Junge Dinger wie du mögen alte Männer wie mich nicht sonderlich. Und Feuer gibt es viele in der Stadt.“
„Ihr seid ein Zahlenkünstler“, sagte sie, als sei das der Grund.
Er schlurfte seinen dampfenden Mokka. „Und du bist eine junge Hexe.“ Das lebendige Zahlenband, das die Nebelnymphe fesselte, war um das Handgelenk des Aritméticos gebunden.
Fado Mariza schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“
Er grinste hochmütig. „Du legst mich nicht herein. Ich kenne deinesgleichen zur genüge.“
Fado schwieg.
Ohne jegliches Hab und Gut war sie aufgebrochen. Dem Besitz weltlicher Dinge hatte sie abgeschworen. Nur das, was sie am Leib getragen hatte, war ihr geblieben. Unter Tränen hatte sie sich von ihren Eltern verabschiedet. Ihre Mutter, die auch eine Hexe war, hatte Tränen vergossen, als sie gegangen war. Fado hatte sie umarmt. Ihr Vater, ein einfacher Bauer, hatte sie mit seinen kräftigen Händen hochgehoben, als sei sie noch immer sein kleines Mädchen. So war sie in die Welt hinausgezogen, wie es der Brauch seit alter Zeit war. Alles hatte sie hinter sich gelassen.
Alles.
Sie musste die Welt allein bereisen und die Menschen kennen lernen. Sie musste das Beste aus ihren Talenten machen. Sie sollte hilfsbereit sein und sie durfte die Magie, die ihr manchmal durch die dunklen Finger floss, niemals dazu nutzen, ihrem eigenen Vorteil zu dienen.
Deswegen war sie hier. Weil sie genau dies lernen musste.
Sie war gewandert, weite, weite Wege, über Berge und Täler, mit müden Füßen, die in zerschlissenem Schuhwerk steckten. Von Dorf zu Dorf war sie gegangen, hatte gearbeitet, manchmal heimlich einen winzigen Zauber gewirkt, der den Bauern das Ungeziefer aus den Getreidelagern fernhielt. Sie hatte die Menschen auf einem Gehöft, das sich nahe den seltsamen Fliegerfriedhöfen von Valéncia befunden hatte, von einer Rattenplage befreit. Zwei Monate hatte sie in Barcelona verbracht und Obst verkauft, einen Monat in an einem Ort namens Tarragona, wo sie Segel genäht hatte. Doch meistens war sie nie lange an einem Ort geblieben. Wenn sie etwas Magisches gewirkt hatte, dann musste sie fort, ehe die Menschen es mit ihr in Verbindung brachten.
Vor einer Woche hatte sie ein dann Schiff zur Insel gebracht. Die große Stadt Yabisa Medina mit ihren mächtigen Festungsmauern und den Gassen, in denen es selbst in den Wintertagen noch nach Gewürzen aus fernen Ländern roch, war ihr seit wenigen Tagen ein Zuhause.
Ein eisiger Wind wehte in diesen Tagen über die Insel. Die Tage waren kurz geworden. Unten im Hafen hatten die schlanken Schiffe ihre Segel eingeholt. Dunkle Wolken bedeckten den Himmel, wehten kalte Luft von Norden heran.
„Du möchtest ihr helfen“, sagte der Aritmético wissend.
„Es ist nicht gerecht.“
„Das ist das Leben nie.“
Fado konnte sich nicht vorstellen, in Gefangenschaft zu leben. „Sie ist so ein wunderschönes Wesen.“
Der alte Mann lachte. „Deswegen habe ich sie gefangen. Sie wird mir dienen. Und ich werde Geld mit ihr verdienen.“
„Was soll sie denn für euch tun?“
„Sie wird Lieder singen.“
„Und wenn sie nicht will?“
„Dann werden die Menschen eben dafür bezahlen, sie anschauen zu dürfen.“ Er grinste und steckte sich eine Pfeife in den Mund. „Außerdem“, grummelte er, „sehen die Menschen nebenbei, wie mächtig die Zahlen sind.“ Er zerrte unsanft an der langen dünnen Kette, die nur aus Zahlen bestand. „Sie sieht zerbrechlich aus, aber das ist sie nicht. Das sind die Zahlen niemals.“
Die Nebelnymphe zuckte zusammen. Es tat ihr weh. Mit ihren nebelhaften Fingern fasste sie sich an den Hals und ließ einen geflüsterten kläglichen Laut der Verzweiflung erklingen.
Ihre Augen, die wie Träume waren, wurden zu Nacht.
„Die Menschen mögen es, wenn sie zwischen den Zahlengeschichten andere Dinge zu hören bekommen.“ Er leckte sich langsam über die Lippen, während er die Nebelnymphe betrachtete. „Und sehen“, fügte er hinzu. „Sie ist so ein schöner Anblick.“
Fado wusste, was er meinte.
Sie hatte ihn beobachtet, den ganzen Tag schon.
Er zog wohl von einem Marktplatz zum nächsten und bot seine Rätsel feil. Zahlentricks, Rätselrechnereien. Er war ein Gaukler, nicht mehr. Und die arme Nebelnymphe befand sich in seinem Schlepptau.
Weiter unten in der alten Stadt, in der breiten Carrer de Sant Joan, dort hatte er seine Rätsel zum Besten gegeben, dort war Fado ihm begegnet. „Eine fliegende Schar wilder Tauben“, erinnerte sich Fado an eines der Rätsel, „kam zu einem hohen Baum geflogen. Ein Teil von ihnen setzte sich auf die krummen Äste der Pinie, ein Teil der Tauben setzte sich darunter. Die Tauben, die in den Ästen hockten, sagten schließlich zu den anderen: wenn eine von euch zu uns kommt, dann seid ihr ein Drittel von uns allen, und wenn eine von uns hinabfliegt, dann werden wir euch an Zahl gleich sein.“ Dann war der Aritmético herumgegangen und hatte Antworten bei seinen grübelnden Zuhörern eingesammelt. Keiner war auf die Lösung gekommen. „Nun, wie viele Tauben sitzen nun auf dem Baum?“ hatte er die Menschen gefragt. „Und wie viele sitzen unten am Boden?“
Sie blieben ihm die Antwort schuldig, waren aber amüsiert und warfen ihm Münzen zu, als er ihnen die Lösung präsentierte. „Fünf Tauben sitzen in den Ästen, drei hocken am Boden.“
Die Nebelnymphe hatte ihn nur traurig und still beobachtet.
„Ich habe noch ein Rätsel“, fuhr er fort und stellte es. „Ein Lichtleuchter, der auf Wanderschaft war, traf einen grimmigen Soldaten der Stadtwache, der ihn nach der Uhrzeit fragte. Und weil der Soldat unfreundlich war, lautete die kurze Antwort des Lichtleuchters: Bis zum Ende des Tages bleiben noch dreimal zwei Neuntel von dem, was seit Anfang des Tages bereits vergangen ist.“ Die in der Straße herumstehenden Menschen grübelten und der Aritmético rieb sich äußerst zufrieden die Hände. „Nun, wer sagt mir, wie spät es ist, als die beiden sich treffen?“
Die Leute hatten kaum verschnauft, die Lösung (vierundzwanzig Minuten nach dem zweiten Schlag am Mittag) war gerade erst ausgeplaudert worden, da folgte auch schon das nächste Rätsel. „Ein reicher Kaufmann aus Sant Rafael kaufte einmal ein prächtiges Pferd und verkaufte es dann nach einem halben Jahr für vierundzwanzig Silbermünzen. Dabei büßte der Kaufmann so viele Prozente ein, wie ihn das Pferd an Münzen gekostet hatte. Nun, meine Zuhörer, für wie viel Silbermünzen hat der Kaufmann das Pferd damals gekauft?“ Die Leute zermarterten sich die Köpfe, aber niemand kam auf die Lösung. Und als der Aritmético sie ihnen anvertraute, da erkannten sie nur, dass die Lösung die richtige war. „Vierzig oder sechzig Münzen, beides ist möglich, wir müssten den Kaufmann wohl fragen.“ Gelächter folgte. Wie er aber auf die Lösung gekommen war, das erkannten die Leute nicht.
Am Ende der Vorstellung sagte der alte listige Mann in der zahlenhaften Soutane: „Rechner, gieb mir nur eine Zahl, wenn man sie ein achtteil Mal zu einhundertfünzig legt, dass es fünfzig mehr beträgt, als wenn man sie ganz ohne Wahl richtig setzt dreiviertel mal. Nun, Schlauer, zeig mit schneller Frist, welche Zahl es ist!“
Die Menge applaudierte. Der Aritmético rief: „Einhundertsechzig!“ Und die Vorstellung war zuende.
Fado seufzte.
Die Nebelnymphe hatte er kein einziges Mal der Menge gezeigt. Alle hatten sie gesehen, aber niemand hatte sie erkannt. Hätte er sie den Leuten gezeigt, dann hätten die Menschen wohl viel mehr für ihren Anblick bezahlt als für all die Zahlenrätsel dieser Welt.
Fado nahm einen Becher des heißen Mokka entgegen, schlürfte ihn laut und sagte dann: „Ich will, dass ihr sie gehen lasst.“
Der Arimético lachte laut. „Du bist nur ein Mädchen.“
„Ich bin eine Hexe.“
„Du willst mir drohen?“
Sie senkte den Blick. „Ich wäre dumm, würde ich es nur versuchen.“
Er nickte. „Ja, das bist du wohl nicht. Du weißt, was man mit deinesgleichen macht, wenn ihr bösen Zauber wirkt.“
„Ja“, sagte Fado beschämt.
„Nun?“
„Wir könnten wetten.“ Sie war nur hierher ans Feuer gekommen, weil sie die Nebelnymphe befreien wollte, das war alles. Sie hatte sie bereits vorhin während der Vorstellung mitten in der Straße erkannt. Für die meisten Menschen war sie nur eine hübsche Frau und sie glaubten wohl, sie sei die junge Dienerin des alten Mannes. Fado Mariza jedoch erkannte die Magie dieses Wesens. Sie sah die Morgendämmerung auf den schattigen Wassern und die Abendröte des Himmels in den Augen, die wie schöne Sicheln waren.
Der Aritmético horchte auf. „Du willst wetten? Um was denn?“
„Um ihre Freiheit.“
Die Nebelnymphe erbebte, was wie ein flüchtiger Gedanke am Morgen war. Es war, als fege ein Windhauch die Traurigkeit für einen Augenblick beiseite.
„Was hätte ich davon, gegen dich zu gewinnen?“ fragte der alte Mann siegessicher.
„Ich würde euch dienen. Ein ganzes Jahr lang.“
Er schüttelte den Kopf und winkte ab. „Nein, junge Hexe, du wirst mir dein Leben lang dienen, wenn ich gewinne. Deine Zauberkräfte werden mir gehören. Du wirst tun, was ich von dir verlange. So lauten meine Regeln. Dein Leben gegen das ihre. Das ist der einzige Faustpfand, den ich gelten lasse.“
Fado überlegte. Ihre Finger spielten mit dem pechschwarzen Haar, das ihr in wirren Büscheln vom Kopf abstand.
„Wie soll der Wettstreit aussehen?“ fragte ihr Gegenüber neugierig.
„Ich gebe euch ein Rätsel auf und ihr gebt mir eines auf“, sagte sie. „Wenn ihr es löst und ich versage, dann besitzt ihr eine Nebelnymphe und dazu noch eine junge Hexe. Wenn ihr es nicht löst und ich finde die Antwort, dann lasst ihr mich mit ihr gehen.“ Er hob abwehrend die Hand. „Ein Rätsel, sagst du?“
Sie nickte. „Ich ...“
Er lachte schallend und die Flammen spiegelten sich in den dunklen Augen. „Oh, nein, nein, Mädchen. Du wirst mich nicht mit einem Zauberkunststück überlisten.“
„Keine Magie“, versprach sie.
„Es muss ein Zahlenrätsel sein“, verlangte er.
Fado schaute zu Boden. „Aber ... das ist nicht fair“, grummelte sie.
„Es sind die Regeln, die ich aufstelle. Wenn sie dir nicht gefallen, dann geh deines Weges. Mir reicht auch die Nebelnymphe.“
Fado schluckte. „Ich soll also mir euren Waffen kämpfen. Darin bin ich nicht geübt.“
Er betrachtete sie. „Nun?“
Fado schwieg. Ihre Blicke trafen sich mit denen der Nebelnymphe. „Wie heißt du?“ fragte sie das Wesen.
„Iela“, hauchte die Nebelnymphe und es klang wie ein leises, schönes Lied.
Fado sah den Aritmético an. „So sei es. Lasst uns spielen!“
Der listige Zahlenkünstler rieb sich die Hände. „Ich gebe dir ein Zahlenrätsel auf. Und danach gibst du mir eines auf. Wenn einer von uns keine Lösung mehr weiß, dann hat er verloren.“
Sie starrte ins Feuer. „Ihr fangt an.“
Der Aritmético sagte: „Auf einem Tisch liegen zehn Geldbeutel, in denen jeweils zehn gleiche Münzen stecken. In neun Geldbeuteln stecken echte Münzen, aber in einem Beutel befinden sich falsche Münzen. Ein echtes Geldstück wiegt zehn Gramm, ein falsches elf Gramm. Du musst durch einmaliges Wiegen herausfinden, in welchem Beutel sich die falschen Münzen befinden.“ Er steckte den Kopf hervor. „Bedenke, dass du nur ein einziges Mal wiegen darfst und sich die Münzen beim reinen Anblick nicht unterscheiden lassen.“ Das Grinsen in dem faltigen Gesicht wurde immer breiter. „Sag mir, wie du es anstellst, den Beutel mit den falschen Münzen zu finden.“
Fado starrte in die Flammen. Sie spielte mit dem Fuß im Sand. Ganz löchrig war ihr Schuhwerk, sie würde bald neues brauchen. Sie spürte den Blick der Nebelnymphe auf sich ruhen.
Dann sagte sie, so leise, als sei es ein Geheimnis: „Auf einem Tisch liegen also zehn Geldbeutel, in denen jeweils zehn gleiche Münzen stecken. Die echten wiegen zehn Gramm, die falschen elf Gramm.“
Der Aritmético kramte eine Sanduhr hervor. „Wir wollen uns nicht alle Zeit der Welt lassen.“ Er drehte die Sanduhr um und die Körner begannen zu rieseln.
Fado seufzte.
Lange Zeit schwieg sie.
Der Aritmético nippte an seinem Mokka.
Die Luft roch nach Schnee, was selten war in dieser Gegend.
Schließlich, bevor die Sandkörner durch das Glas geronnen waren, sagte Fado, noch immer leise: „Man gibt jedem Beutel eine Nummer. Und dann“, sie klatschte in die Hände, „ja, so müsste es funktionieren“, sie grinste den Mann an, „dann nimmt man aus jedem Beutel die Anzahl von Münzen, die zur Nummer des Beutels passen. Eine Münze aus dem ersten Beutel, dann zwei Münzen aus dem zweiten Beutel, und so weiter, bis man schließlich zehn Münzen aus dem zehnten Beutel entnimmt. Wenn man das tut, dann hat man am Ende fünfundfünfzig Münzen, die alle zusammen fünfhundertundfünfzig Gramm wiegen müssen.“ Sie schaute den Mann an, dann die Nebelnymphe, dann wieder den Aritmético. „Da die falschen Münzen aber ein Gramm schwerer sind als die echten, erhalte ich die Nummer des falschen Geldbeutels, wenn ich den Unterschied zwischen dem Gewicht, das die fünfundfünfzig Münzen tatsächlich haben, und dem Gewicht von fünfhundertundfünfzig Gramm ausrechne.“
Der Aritmético fluchte.
Die Nebelnymphe lächelte.
Fado Mariza aber sagte schnell. „Das war keine Zauberei. Das war nur nachgedacht.“
Der alte Mann trat in die Glut.
Er zerrte an dem Zahlenband und die Nebelnymphe stöhnte auf. „Kein Grund zu lächeln“, fluchte er in sich hinein, „du gehörst noch immer mir.“ Wütend funkelte er das junge Mädchen an und dann zischte er: „Du bist an der Reihe, dein Rätsel, los!“ Fado ergriff einen abgebrochenen Ast, der neben dem Feuer lag. „Ich zeichne euch jetzt zehn Ziffern in den Sand“, erklärte sie. „Und dies in einer bestimmten Reihenfolge.“
Der Aritmético beugte sich vor. Fado malte eine Acht, dann eine Drei, gefolgt von einer Eins. Es folgten die Zahlen Fünf, Neun, Null und Sechs, schließlich noch die Sieben, die Vier und die Zwei. „Es gibt ein bestimmtes System“, sagte sie, „nach dem ich diese Zahlen in genau dieser einen Reihenfolge geschrieben habe.“ Sie lächelte und blickte ihrem Gegenüber ganz fest in die Augen. „Nennt es mir!“
Der Aritmético betrachtete die Zahlenreihe. „Das ist alles?“
„Ja, das ist alles.“
„Mehr hast du nicht zu bieten?“
„Nein.“
Er betrachtete die Zahlen, dann schrieb er sie untereinander:
8
3
1
5
9
0
6
7
4
2
Er grübelte.
Dann notierte er sie nebeneinander:
8 3 1 5 9 0 6 7 4 2.
Er betrachtete die Zahlenreihe erneut und murmelte dabei wütend etwas, das sich wie unruhige Berechnungen anhörte. Er faselte etwas von Quersummen und Quotienten.
Dann schrieb er Zeichen zwischen die Zahlen:
8 + 3 – 1 = ???
Er verwischte wütend, was er notiert hatte.
„Die Zeit läuft“, sagte Fado und drehte die Sanduhr um.
Der alte Aritmético warf einen Blick auf die Nebelnymphe, die fasziniert die Zahlen beobachtete. „Es gibt immer eine Lösung“, murmelte er, während der Sand durch das Glas rann.
Er rieb sich die Augen, kratzte sich an der Stirn, trat ins Feuer, fluchte in sich hinein.
„Das ist Zauberei“, fluchte er, als das letzte Sandkorn verronnen war.
Fado Mariza, die heute Nacht noch weiter ziehen würde, schüttelte den Kopf. „Nein, es gibt ein System. Es ist kein Zauber, und auch kein Hexenwerk. Ich stehe zu meinem Wort.“
Der Aritmético fluchte erneut.
Er betrachtete die Sanduhr.
Dann wieder die Zahlen.
„Ihr bleibt mir die Antwort schuldig?“
Er zerbrach den Stock, den er in der Hand hielt. „Verdammt, es gibt kein System“, fauchte er laut. „Du hast die Zahlen ohne Sinn und ohne Verstand hingeschrieben.“
„Nein“, sagte Fado.
„Dann sag mir die Lösung!“ forderte er.
Sie lächelte breit. „Sie folgen den Buchstaben des Alphabets.“
Der Aritmético verstand zuerst gar nicht, was genau sie meinte.
„Acht wie ein A, Drei wie ein D, und so weiter. Es endet mit Zwei wie Z.“
„Das ist ...“
„Ein System?“ Sie sah ihn ernst an.
Er senkte den Kopf. Die kleinen Zahlen, die eine Kette gebildet hatten, fielen auseinander.
Die Nebelnymphe war frei.
„Verschwindet“, zischte der Aritmético und suchte die Zahlen, die eben noch eine Kette gewesen waren, zusammen. Wie kleine Würmer krochen sie auf dem Boden herum.
Die Nebelnymphe trat neben Fado. „Schnell“, hauchte sie. Dann nahm sie die junge Hexe, der sie die Freiheit verdankte, bei der Hand und führte sie fort.

Sie hatten die Stadt schon verlassen, als sie den Tumult hörten. Laute Rufe erklangen, oben auf den Mauern. Eine Glocke läutete. Ein Dieb wurde gesucht.
„Ich wusste, dass er die Wache alarmiert“, flüsterte sie. „Die Zahlenkünstler haben keine Ehre, sie halten niemals ihr Wort.“ Sie erzählte dem Mädchen, wie der Aritmético sie gefangen hatte.
„Das war hinterhältig.“
„So sind die Zahlenkünstler eben.“ Sie lächelte wie der Tau am Morgen. „Du hast ihn überlistet.“
„Ja, er war überrascht“, sagte Fado.
„Das war er.“
Die beiden standen unten am Hafen. Die Wellen schlugen wie leise Lieder gegen den Kai. Die Schiffe und Segler schaukelten in den sanften Wellen.
„Was wirst du jetzt tun?“ fragte Iela. Sie schwebte neben dem Mädchen wie ein Versprechen.
Fado zuckte die Achseln. „Ich werde mir neue Schuhe besorgen.“
„Du musst weiterziehen?“
„Ich bin eine Bruja auf der Wanderschaft.“
„Ich weiß“, sagte die Nebelnymphe.
„Und du?“
„Ich kehre dorthin zurück, wo ich herkomme.“
„Nach Hause?“
Sie nickte.
„Wo ist das?“
Iela sagte es ihr. „Du kannst mit mir kommen.“
Fado schüttelte den Kopf. „Ich werde die Insel verlassen.“
Die Nebelnymphe fasste sich an die Brust und hielt plötzlich einen hölzernen Stern in der Hand. „Warum hast du das getan?“ fragte sie das Mädchen. „Warum hast du mir geholfen?“
„Niemand sollte eine Kette aus Zahlen um den Hals tragen. Niemand sollte jemand anderem gehören.“
Die Nebelnymphe gab ihr den Stern aus weißem Holz, in dessen Mitte ein wunderschöner Stein prangte. Ein Stein, der lila funkelte. „Es ist ein Amulett“, sagte Iela mit einer Stimme, die wirklich wie singender Nebel war, „ein Zauber aus entfernten und ganz anderen Zeiten. Kein Element wird dir etwas antun. Nicht Wasser, nicht Feuer, nicht Wind, nicht Kälte. Du musst es immer tragen, dann wird es dir ein Freund sein.“
„Ich danke dir sehr.“ Fado band sich den Stern, der an einer dünnen Schnur aus Algenkraut hing, um ihren Hals. „Ich werde ihn bei mir tragen, das verspreche ich.“
Schneeflocken wirbelten durch die kalte Luft.
„Es ist lange her, seitdem es das letzte Mal geschneit hat in dieser Gegend.“
„Hat das etwas zu bedeuten?“
Iela hielt ihr Gesicht in den Himmel und die Schneeflocken schwebten ihr wie sanfte Träume durch die bleiche Haut hindurch ohne zu schmelzen. „Alles“, sang die Nebelnymphe, „hat etwas zu bedeuten im Leben.“
Sie lächelte und dann löste sich auf. Der Wind trug sie davon, hinaus zu den Klippen, in die Dunkelheit. Hinaus, hinfort, nach Haus.
„Lebwohl“, flüsterte Fado. Sie berührte den Stern aus Holz, spürte den Stein an ihrem Hals. Sie fühlte sich gut, gar nicht mehr allein. Nicht einmal die Löcher in den Schuhen machten ihr etwas aus. Die Kälte war ganz fern, weit fort. Dann machte sie sich auf den Weg.

Ende

24. Dezember 2007

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Das Tal von Krystyna Kuhn